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Großartige Biographie über Liszts Schülerin Martha Remmert

Nolden, Dieter: Die Pianistin Martha Remmert (1853–1941). Eine Meisterschülerin von Franz Liszt,

2 Bände, Florian Noetzel Verlag: Wilhelmshaven, 2020 (= Quellenkataloge zur Musikgeschichte 72A (Band 1), 72B (Band 2))

besprochen von Christo Lelie

 

Eine der wichtigsten Schülerinnen von Franz Liszt in seiner letzten Lebensphase war Martha Remmert (1853-1941). Sie war eine seiner Lieblingsschülerinnen und widmete sich wie keine andere Liszt-Schülerin ihr ganzes Leben als Pianistin und Klavierlehrerin der Verbreitung von Liszts Musik und seinen pädagogischen Idealen. Doch ihr Name ist heute selbst unter Liszt-Kennern viel weniger bekannt als der einiger männlicher Liszt-Schüler wie Hans von Bülow, Carl Tausig, Moriz Rosenthal oder EmiI von Sauer. Remmerts Kommilitonin Sophie Menter ist ebenfalls viel bekannter geworden. Martha Remmert war bescheiden, präsentierte sich nicht als Dirigentin oder Komponistin und machte nie Schallplattenaufnahmen; das wird ihre Unbekanntheit weitgehend erklären.

 

Dieter Nolden

Dr. Dieter Nolden

 

Diese Zeit geht nun zu Ende dank der deutschsprachigen Biographie Die Pianistin Martha Remmert (1853-1941). Eine Meisterschülerin von Franz Liszt, die 2020 in zwei umfangreichen Bänden veröffentlicht wurde. Autor ist Dr. Dieter Nolden, seit vielen Jahren ein leidenschaftlicher Liszt-Forscher. Nolden brachte zahlreiche Quellen wie Briefe, Tagebuchauszüge und Rezensionen zusammen, die nicht nur Martha Remmert persönlich betreffen, sondern auch ihr Leben und Werk in einen breiten (musik)historischen Kontext stellen. Gut die Hälfte dieses Materials stammt aus dem Goethe- und Schiller-Archiv in Weimar, wo das Erbe von Martha Remmert aufbewahrt wird.
Teil 1 ist Remmerts Biographie gewidmet, in der die wichtigsten Aspekte ihres Lebens und beruflichen Tätigkeit systematisch dargestellt werden. Die Dokumentation in Teil 2 enthält mehr als 500 Briefe von und an Martha Remmert, zahlreiche Dokumente aus ihrer Hand und über sie, Konzertprogramme, Plakate, Zertifikate und ein Faksimile ihrer einzigen bekannten Komposition für Klavier »Ode an Konstantinopel«, die die Pianistin während einer Konzertreise durch das Osmanische Reich schuf.

 

Martha Remmert 1905

Martha Remmert, Fotografie (© Dieter Nolden)

 

Martha Remmert wurde am 4. August 1853 auf einem Landgut im Dorf Großschwein in Schlesien (heute Polen) geboren. Ihr Vater arbeitete dort als Gutsverwalter. Schon früh stellte sich heraus, dass Martha ein besonderes Talent für Musik hatte. Sie hatte das Glück, einen guten Klavierlehrer zu haben, Wilhelm Tappert, der selbst ein ehemaliger Schüler des berühmten Theodor Kullak im nahe gelegenen Glogau war. Später nahm Martha Klavierunterricht bei Ludwig Meinardus, einem guten Freund von Schumann und Liszt. Beide Lehrer legten den Grundstein, der es Martha ermöglichte, am Kullak-Konservatorium in Berlin zu studieren. In Berlin wurde sie auch von Carl Tausig unterrichtet, Franz Liszts ehemaligem Lieblingsschüler. Nach Abschluss ihres Studiums lag der Wechsel zu Liszt daher auf der Hand.

Seit 1869 lebte Franz Liszt über das Jahr aber wechselnd in Budapest, Rom und Weimar. In Weimar zog er im Sommer große Gruppen von Schülern an, die er am Nachmittag in seinem Haus, der sogenannten Hofgärtnerei, unterrichtete. Bis 1885 kamen jeden Sommer Dutzende junger Pianisten aus fast allen Teilen der Welt nach Weimar, in der Hoffnung, dass Liszt sie unterrichten würde. Drei Nachmittage in der Woche drängten sie sich in Liszts kleinem Salon zusammen, wo sie dem Meister auf dem Bechstein-Flügel ihr Repertoire präsentierten. Im Sommer 1871 verließ die 21-jährige Martha Berlin, meldete sich bei Liszt in Weimar und spielte bei ihm vor. Sie wurde sofort begeistert von Liszt aufgenommen. Bis zu Liszts Tod (31. Juli 1886) war Remmert fast jeden Sommer bei Liszt, denn sie hatte ihren Wohnsitz in Weimar genommen. Martha spielte mit Liszt, übte seine Kompositionen unter seiner Leitung und studierte seine moderne, unorthodoxe Methodik. Liszt unterrichtete nicht Klavier, sondern Musik, wie er immer sagte: Seine Schüler mussten ihre Technik bereits an einem Konservatorium perfektioniert haben. Jeder, der mit Liszt ein Stück spielte, musste die Noten durch und durch kennen. Liszts Ausgangspunkt war das Entwickeln der Persönlichkeit seiner Schüler. Er kannte keine Dogmen, wollte niemandem seine eigene Interpretation aufzwingen, aber er spielte viel vor. Es ging ihm hauptsächlich darum, den Kern der Musik aufzudecken. Liszts musikalische und pädagogische Prinzipien prägten Martha Remmert für ihr gesamtes Leben.


Martha Remmert Haagsche Vrouwenkronik 1921

Martha Remmert, Haagsche Vrouwenkronik 1921 (© Dieter Nolden)

 

Remmert war eine von Liszts besten Schüler*innen. Ihre außergewöhnliche Stellung unter den vielen ›Lisztianern‹ zeigt sich unter anderem darin, dass Liszt sich mit ihr besonders häufig in der Öffentlichkeit zeigte. Er ließ sie auch die ersten Aufführungen seines »Totentanzes« für Klavier und Orchester in mehreren großen Städten wie Berlin, Magdeburg, Leipzig und Kopenhagen geben. Interessant sind übrigens die Seiten, die Nolden der Realisierung und Rezeption dieser Arbeit widmet. In Teil 2 veröffentlicht er sogar einige Seiten, auf denen Liszt zusätzliche Noten für diese Komposition vermerkt hat. Leider sind in all den Jahren nicht viele Informationen darüber erhalten geblieben, was Martha in Liszts Unterricht gespielt hat und was er davon hielt. Nolden gleicht den Informationsmangel aus, indem er detailliert auf das eingeht, was Remmerts Schwester Gertrud und andere Studenten wie Carl Lachmund, August Göllerich, August Stradal und viele andere Besucher von Liszts Unterricht in der Hofgärtnerei in ihren Tagebüchern veröffentlicht haben. Diese Informationen sind größtenteils nicht neu, obwohl Nolden einige weniger bekannte Tagebücher zitiert und ein Bild von Liszts Ausbildung auf eine Weise vermittelt, die in der zeitgenössischen Liszt-Literatur unübertroffen ist. Alles in allem sind die Kapitel über Liszts Unterricht in Weimar sicherlich die interessantesten Teile in Noldens Studie.

Remmerts Repertoire enthielt viel Liszt, aber auch Werke aus der gesamten Klavierliteratur. Besonders in ihren späteren Jahren spielte sie immer mehr Beethoven, aber Liszt blieb ihr am wichtigsten. Sie hielt auch Vorträge über ihn und schrieb 1929/30 sogar ein Drehbuch für einen Liszt-Film. Das Drehbuch ging aber unter merkwürdigen Umständen in Ungarn verloren. 

Remmert war bereits während ihres Studiums bei Liszt bekannt und galt als erfolgreichste Pianistin ihrer Zeit. Ihr wurde in Weimar auch der Titel »Hofpianistin« verliehen. Martha trat in ganz Deutschland auf, aber schon früh – dank Liszt – auch in Wien und Ungarn. Später dehnten sich ihre Reisen über Schweden und England nach Russland, in den Nahen Osten und nach Ägypten aus. Aus den vielen Kritiken, die Nolden zusammengetragen hat, geht hervor, dass Remmert immer wieder für ihr männlich-kraftvolles, entschlossenes und rhythmisch starkes Spiel gelobt wurde. Vielen Rezensenten zufolge stand ihr starker Anschlag anfangs zu sehr im Vordergrund, und sie wurde als »Amazone des Klavierspiels« bezeichnet. Nach ihrem Studium bei Liszt gelang es ihr auch, die feminineren, lyrischeren Seiten in ihrem Spiel zu entwickeln, so die begeisterten Kritiken.

Nachdem sich Remmert 1890 in Berlin als Klavierlehrerin etabliert hatte, gründete sie dort eine Franz-­­Liszt-Akademie. Dies war eine sehr moderne Ausbildungsstätte mit einer Niederlassung in Gotha. Ziel war es, Liszts Art, Musik zu machen und seine Pädagogik umzusetzen. 1900 gründete Remmert eine Franz-Liszt-Gesellschaft, in der wichtige Musiker*innen, darunter die besten Schüler*innen Liszts, dem Vorstand beitraten. Bis zum Emporkommen der Nationalsozialisten war dieser Verein aktiv und organisierte wichtige Konzerte und Festivals an verschiedenen Orten in Deutschland. In der Zwischenzeit trat Remmert selbst nicht mehr auf, blieb aber bis zu ihrem Tod im Alter von 87 Jahren eine früh emanzipierte und engagierte Frau, die im Gegensatz zu vielen ihrer ehemaligen Klassenkameraden, die in das »Brahms-Lager« wechselten, Liszt immer treu geblieben ist.

384 Seiten für die eigentliche Biografie sind viel Text. Das Format des Buches ist groß und mit einem immer gleichen Seitenlayout. Der Text ist in relativ kleiner Schrift und kleinem Zeilenabstand gedruckt. Das ist für den Leser trotz des hohen Informationsgehaltes nicht angenehm und man kann sich leicht im Text verirren. Ein zweispaltiges Seitenlayout hätte das Lesen viel komfortabler gemacht. Dies ist übrigens die einzige Kritik, die ich in dieser Rezension äußern möchte, weil meine Bewunderung für Dieter Noldens Arbeit groß ist. Er muss jahrelang nachgeforscht haben, um das gesamte Material aus Hunderten von Quellen zusammenzuführen, zu ordnen, wissenschaftlich zu verwenden und in einer logisch aufgebauten, historischen Darstellung zu nutzen. Dies ist dem Autor vollständig gelungen.

Wer sich davon überzeugen will, muss allerdings für dieses Werk von insgesamt fast 750 großformatigen Seiten zur Musikgeschichte und derjenigen Liszts jedoch tief in die Tasche greifen, denn jeder der beiden Teile kostet fast 200 Euro.

Christo Lelie
Chefredakteur des EPTA Piano Bulletin und der Tijdschrift van de Franz-Liszt-Kring, Niederlande

 

Nolden Martha Remmert Baende 1 und 2

© Dieter Nolden 


Diese vom Verfasser aus dem Niederländischen übersetzte Rezension ist in der Originalfassung im Piano Bulletin 2020/3 der European Piano Teachers Association, Abteilung Niederlande, erschienen.

Dr. Dieter Nolden hat der Red. freundlicherweise seinen Artikel zur Wirksamkeit Remmerts in den Niederlanden zur Verfügung gestellt, der 2020 unter dem Titel »Eine Meisterschülerin von Franz Liszt in den Niederlanden« im Journal Liszt Kring (pp. 60-67) erschienen ist und der demnächst auch auf den Seiten der DLG erscheinen wird.


Nolden, Dieter: Die Pianistin Martha Remmert (1853–1941). Eine Meisterschülerin von Franz Liszt, 2 Bände, Florian Noetzel Verlag: Wilhelmshaven, 2020 (= Quellenkataloge zur Musikgeschichte 72A (Band 1), 72B (Band 2))
Band 1 (Biographie): ISBN 978-3-7959-1040-2, 370 Seiten, 198,00 €
Band 2 (Dokumente und Register): ISBN 978-3-7959-1041-9, 370 Seiten, 198,00 €

Inhaltsverzeichnis der beiden Bände zum Download (PDF-Format).

Link zum Eintrag in der Deutschen Nationalbibliothek: https://portal.dnb.de/opac.htm?method=simpleSearch&query=Dieter+Nolden

Weitere Informationen zu den Bänden: https://www.isbn.de/verlag/Noetzel%2C+Florian

Link zum Beitrag zur Martha Remmert-Ausstellung im Goethe- und Schiller-Archiv (2021).


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