Liszt-Wagner-Erinnerungsmomentum

von Wolfram Huschke

Auf dem Rondell vor der Weimarer »Altenburg« steht ab 9. Mai 2026 ein Baustellenschild mit folgendem Text:

»Hier soll ab Mai 2029 ein Erinnerungsmomentum an die legendäre Künstlerfreundschaft von Franz Liszt und Richard Wagner und an ihr Treffen in diesem Haus im Mai 1849 stehen. Es rettete Wagner das Leben. Bis 1861 lebte er als politischer Flüchtling in der Schweiz.

Weimarer Wohnstätte GmbH.
Deutsche Liszt-Gesellschaft.«

Die historische Situation jenes Treffens war folgende: Richard Wagner kam Anfang Mai 1849 nach Weimar, um eine Folgeaufführung seiner Oper »Tannhäuser« zu erleben. Sie war am 16. Februar, dem Geburtstag der Großherzogin Maria Pawlowna, unter Liszts Leitung im Hoftheater mit legendärem Erfolg erstaufgeführt worden. Durch diese Reise entging er dem Haftbefehl gegen ihn als einem der führenden Köpfe des Dresdener Maiaufstands gegen das preußische Militär. Sein Mitkämpfer August Röckel wurde gefasst, zum Tode verurteilt und zu lebenslangem Zuchthaus ›begnadigt‹. Dies wäre Richard Wagner auch geschehen, wäre man seiner habhaft geworden.

Der Haftbefehl folgte ihm nach Weimar. Liszt versteckte ihn in Magdala, einem Dorf nahe Jena, besorgte falsche Pässe und Geld und ermöglichte so die Flucht ins Ausland mit dem folgenden nahezu zwölfjährigen Exil, vor allem in der Schweiz. Dass ihn da Franz Liszt massiv unterstützte, versteht sich. Mehr noch aber half er seinem Freund durch die Aufführung und publizistische Förderung seiner Werke. Nur dadurch war Wagner ein bekannter angesehener Komponist, als er 1861 zurückkommen durfte. Im August 1861 war er wieder in Weimar, nun als der sehr namhafte Ehrengast der mehrtägigen Gründungsversammlung des Allgemeinen Deutschen Musikvereins (ADMV), mit dem sich Liszts Neu-Weimarer Schule (inzwischen Neudeutsche Schule) ein Förderzentrum von hohem Rang schuf. Wagner war also wieder im Lande, Liszt allerdings wenig später in Rom.

Wieso aber »Liszts Traum«? Dies hat seinen Ursprung bei Liszt selbst, in seinem Testament vom 14. September 1860. »Zu einer bestimmten Zeit (es sind etwa zehn Jahre her) hatte ich für Weymar eine neue Kunstperiode erträumt, ähnlich der von Carl August, wo Wagner und ich die Coryphäen gewesen wären, wie einst Goethe und Schiller. Die Engherzigkeit, um nicht zu sagen der schmutzige Geist gewisser örtlicher Verhältnisse, alle Arten von Missgunst und Dummheit von draußen wie drinnen haben die Verwirklichung dieses Traumes zunichte gemacht …« Zuvor stellt er die eminente Bedeutung Wagners heraus. »Es gibt in der zeitgenössischen Kunst einen Namen, der schon jetzt ruhmreich ist und es mehr und mehr werden wird – Richard Wagner. Sein Genius ist mir eine Leuchte gewesen; ihr bin ich gefolgt – und meine Freundschaft zu Wagner hat immer den Charakter einer edlen Leidenschaft behalten.« (Vgl. Serge Gut, Franz Liszt, S. 690.)

Nike Wagner würdigte in ihrer Festrede am 22. Oktober 2025 im Festsaal des Fürstenhauses in Weimar die durchaus seltene Künstlerfreundschaft zwischen ihrem Ururgroßvater Liszt und ihrem Urgroßvater Wagner so: »Es geht um Franz Liszt und Richard Wagner, zwei weltberühmte Exponenten der romantischen Ära, der eine als Pianist und Komponist symphonischer und kammermusikalischer Werke, der andere als Komponist gewaltiger Opern und Musikdramen. Ihre Künstlerfreundschaft ist mindestens so berühmt wie diejenige von Goethe und Schiller. Analog zum klassischen Dichterpaar in Weimar haben die beiden aber niemals ein Doppel-Denkmal erhalten. Komischerweise – denn eigentlich erfüllen sie alle Kriterien eines würdigen romantischen Nachfolge-Duos.

Liszt wie Wagner, beide fast gleich alt, waren Musiker höchster Qualität und europäischer Präsenz und Resonanz, beide außerordentlich erfolgreich. Sprengte der eine die Konzertsäle, so sprengte der andere die Opernhäuser. Beide Musik-Genies vereint ihre Selbstdefinition als »Zukunftsmusiker« – beide gerieten an die Ränder der Tonalität, beide waren gewissermaßen Bindeglieder zwischen Beethoven und Debussy, zwischen reifer Klassik und früher Moderne. Und hat der eine die Form der Beethovenschen Symphonie und des Sonatensatzes neu definiert, so hat der andere die ersehnten deutschen Nationalopern geschaffen. Warum haben Liszt und Wagner dennoch nirgendwo ein gemeinsames Denkmal erhalten?«

Ja warum, nirgendwo? Wir versuchen auf diese Frage an einem historischen Ort nun ein wenig zu antworten, nach dem Grundsatz ›besser später als nie‹. Und nicht nur als Antwort, sondern als Geste hoher Verehrung und tiefen Dankes.

 


 

Hinweis der Redaktion: Diese Seite wird künftig als Einstiegsseite zu allen mit »Liszts Traum. Mai 1849« und dem Liszt-Wagner-Denkmal verbundenen Aktivitäten und Themen dienen.

Sie finden den Einstieg stets über die Seite https://www.lisztstraum.deutsche-liszt-gesellschaft.de/.

 

Liszts Traum. Mai 1849 (QR)

 


Stand: 10. Februar 2026