von Wolfram Huschke

 

Das Vorspiel

Ebenso wie zwischen 1837 und 1847 in vielen europäischen Großstädten und Residenzen zwischen St. Petersburg und Südspanien, Dublin und Konstantinopel triumphierte der geniale Klaviervirtuose und Menschenbegeisterer Liszt 1841 und 1842 auch am Weimarer Hof und wurde hier, um ihn zu binden, zum Großherzoglichen Kapellmeister ernannt. In einer Reihe von Sinfoniekonzerten 1844 erwies er sich zwei Jahre später als ebenso ungewöhnlicher wie begeisternder Dirigent insbesondere Beethovenscher Sinfonien.

 

Teil I

Ziemlich genau in der Hälfte seines Lebens (1811-1886) ließ er sich mit seiner neuen Lebensgefährtin Carolyne von Sayn-Wittgenstein zur Verwunderung der europäischen Kunstwelt im kleinen Weimar nieder, zu »Sammlung und Arbeit«, wie er es selbst in seiner Lebensskizze von 1874 bezeichnete. Von 1849 bis 1861 trat er nun als Komponist in der Nachfolge Beethovens und als Dirigent hervor, nicht mehr als Klaviervirtuose. In seiner Komponierstube, dem »Blauen Zimmer« im Seitengebäude der »Altenburg«, einer Stadtvilla am Abhang jenseits der Ilm, entstand ein Großteil seiner Orchesterwerke – die meisten »Symphonischen Dichtungen«, die »Faust-« und die »Dante-Sinfonie« –, daneben die drei Klavierkonzerte, die Klaviersonate h-Moll und die »Graner Messe«.

Die ihm seit 1851 vollständig unterstellte Weimarer Hofkapelle war sein »Versuchslabor«. Mit ihm kümmerte er sich aber auch sehr um Aufführungen neuer Werke anderer Komponisten, etwa Hector Berlioz und Richard Wagner. Dem ermöglichte er mit Geld und falschen Papieren im Mai 1849 die Flucht ins Schweizer Exil und rettete ihm so sein Leben. Die Existenz und Werke des sächsischen Rebellen und nunmehrigen politischen Exilanten in Zürich förderte er über die Maßen uneigennützig und publizistisch erfolgreich. Ihr legendärer Briefwechsel bezeugt dies. Der große Förderer Wagners vor Ludwig II. von Bayern war eben Franz Liszt, insbesondere durch die Aufführung seiner Werke am Weimarer Hoftheater. So war Wagner nach seiner Amnestie 1861 kein kaum bekannter Komponist, sondern der prominente Ehrengast bei der Gründung des Allgemeinen Deutschen Musikvereins (ADMV) im August 1861 in Weimar. Der war fürderhin die »Speerspitze« der »Neu-Weimarer Schule«, die inzwischen »Neudeutsche Schule« hieß, mit Wagner und Berlioz und selbstredend Liszt und seinen handverlesenen Schülern bzw. Mitarbeitern, deren Vorbild und Lehrer er war. Sie hatten mit ihm und der Fürstin als Künstler-»Kommune« in der »Altenburg« zusammengelebt und -gearbeitet: Hans von Bülow, Carl Klindworth, Peter Cornelius, Hans Bronsart von Schellendorf, Carl Tausig, Joachim Raff und Anton Rubinstein.

Die öffentlichkeitsbezogene Arbeit Liszts als Chefdirigent der Hofkapelle war 1859-1861, nach dem Premierenskandal bei der Uraufführung von Peter Cornelius’ heiterer Oper »Der Barbier von Bagdad« Mitte Dezember 1858 zum Erliegen gekommen. Liszt mochte nicht mehr kämpfen. Er ging schließlich nach Rom, um dort an seinem 50. Geburtstag im Oktober 1861 Carolyne heiraten zu können.

 

Die »Altenburg« in Weimar im 19. Jahrhnundert

Die »Altenburg«, Weimar 1859

 

Teil II

Auch als dies hintertrieben worden war blieb er in Rom, in losem Kontakt zu Carolyne. Seine besondere Hinwendung zu seiner katholischen Kirche – und dies nun an deren Zentralort – führte 1865 zu den niederen Weihen. Er war jetzt der Abbé Liszt, Weltgeistlicher. Der zunehmende Ruf nach ihm aus Weimar führte 1869 zu einer Art Rückkehr, allerdings in eine noch freiere Existenz als vor 1861. Als Gast des Großherzogs Carl Alexander lebte er jetzt alljährlich in den Sommermonaten bis zu seinem Tod 1886 in der Beletage der »Hofgärtnerei« am Rande des Ilmparks. Zu ganz besonderen Anlässen dirigierte er die Hofkapelle – er war ja nach wie vor deren exzeptioneller Kapellmeister. Vor allem repräsentierte er sich und sein Werk, Und er unterrichtete Scharen von gut ausgebildeten Pianistinnen und Pianisten aus aller Welt, in einem Meisterkurs in seiner Wohnung, unentgeltlich zweimal die Woche, was weithin von sich reden machte. Mancher und manche von ihnen folgten dem Meister innerhalb seines jahraus jahrein über anderthalb Jahrzehnte zwischen Weimar (Sommer), Rom (Herbst/Winter) und Budapest (Frühjahr) dreigeteilten Lebens (»vie trifurquée«). Mehrere von ihnen spielten dann vielerorts in Europa eine Führungsrolle in ihrem Fach.

 

Liszt im Kreise seiner Schüler, Weimar 1884

Liszt im Kreise seiner Schüler, Weimar 1884

 

Das Nachspiel

Liszt starb während der Wagner-Festspiele in Bayreuth. Als er dorthin – und zuvor noch zur Tonkünstlerversammlung des ADMV in Sondershausen – Anfang Juni von Weimar aus aufgebrochen war, hatte er alle seine Manuskripte und wichtigen Schriftstücke, die er im dreigeteilten Leben immer mit sich führte, in der »Hofgärtnerei« zurückgelassen. Es war ja nur als Ausflug gedacht.

Unmittelbar nach seinem Tod ordnete Großherzog Carl Alexander an, mit all dem die Beletage des Hauses als »Liszt-Museum« der Erinnerung an ihn zu widmen. Zum Anderen solle eine »Liszt-Stiftung« begründet werden. Beides geschah im Laufe von 1887 und führte dazu, dass Weimar zum Zentrum der Liszt-Erinnerung in Deutschland wurde. Und dies noch heute ist, in der »Hofgärtnerei« wie in der »Altenburg«, mit den Lisztiana im Goethe- und Schiller-Archiv, mit einer 1956 nach ihm benannten Musikhochschule, der 1990 begründeten und von Weimar aus wirkenden Deutschen Liszt-Gesellschaft und der 2006 begründeten Neuen Liszt Stiftung, mit der nach den thüringenweiten Feiern zu seinem 200. Geburtstag 2011 entstandenen Liszt Biennale Thüringen.

 

Liszts Wohnung in der Hofgärtnerei, Weimar

Liszts Wohnung im Obergeschoss der ehemaligen Hofgärtnerei (Liszt-Museum), Weimar

 


Stand Januar 2026