Ulrich Isch (Hg.) – »Musik ist meine Religion«. Erinnerungen des Liszt-Schülers Richard Burmeister

Hamburg: tredition 2015

ISBN 978-3-7323-7467-0

Der schweizerische Rechtsanwalt und Notar Ulrich Isch hat die Reihe der aus und um den Lisztschen Schülerkreis erschienenen Veröffentlichungen um einen bedeutenden Baustein erweitert. Als Lehrer, Mentor, Erzieher, Freund, Förderer, Anreger und Neuerer sowie als Komponist und Propagandist hat »Liszt eine Bedeutung erlangt, die in ihrer Gesamtheit wohl die seiner sämtlichen Zeitgenossen (ausser Wagner) in den Schatten stellt« (Engel/MGG, zitiert nach Isch). Seine Strahlkraft wirkte dabei weit über das 19. Jahrhundert hinaus, wie nicht zuletzt die zahlreichen Zeugnisse seiner Schüler und Protegés belegen.

Einer davon war Richard Burmeister (*1860 Hamburg,† 1944 Berlin), der 1881-1884 bei Liszt in Weimar studierte und ihn auch auf seinen Reisen nach Rom und Budapest begleitete. 1885-1903 lehrte Burmeister in den USA, ab 1903 in Dresden und Berlin. Er unterrichtete daneben zahlreiche Privatschüler und konzertierte als gefeierter Pianist bis 1930 in ganz Europa und den USA. Burmeister trat daneben auch als Komponist und Bearbeiter hervor, etwa mit seiner gefragten Fassung von Liszts Concerto pathétique oder Chopins Konzert f-Moll.

Im Zentrum (Teil I) der von Isch zusammengetragenen Quellen stehen Richard Burmeisters Erinnerungen unter dem Titel »Musik ist meine Religion«, dessen 380seitiges handschriftliches Original in der Staatsbibliothek Berlin aufbewahrt wird und das der Öffentlichkeit zugänglich zu machen »Burmeister zweifelsohne die Absicht« hatte (Isch). Der Herausgeber hat Burmeisters Autograph, das im wesentlichen den Zeitraum von 1881 bis 1930 umfasst und 1941-43 niedergeschrieben wurde, für den Druck dankenswerterweise so weit wie möglich unangetastet gelassen.
Im Anhangsteil (Teil II) hat Ulrich Isch zahlreiche ergänzende und weiterführende Quellen und Übersichten versammelt, die die Früchte langjähriger, detaillierter und akribischer Forschertätigkeit darstellen. Neben einigen, für den einen oder anderen Leser vielleicht entbehrlichen, Anhängen (genealogische und familiäre Übersichten sowie Zeittafeln zur deutschen Geschichte 1860-1944 und zum deutschen Kaiserreich oder auch Burmeisters Protokoll einer spiritistischen Séance) sind die Anhänge äußerst wertvoll. Sie enthalten unter anderem die bei Liszt studierten Kompositionen, Burmeisters Repertoire – beide hochinteressanten Aufstellungen aus der Feder Burmeisters –, Kritiken, Werk- und Schülerverzeichnisse sowie zwei kürzere Aufsätze Burmeisters (»Studienjahre bei Franz Liszt« und »Liszt und die Frauen«). Auch Ischs Ausführungen zu Burmeisters Weltanschauung – einer Weltanschauung, die zweifellos im Gegensatz zu der von Liszt steht und die die Burmeister-Lektüre stellenweise äußerst unerquicklich macht – erscheinen hilfreich.

Als besondere Leistung hervorgehobene Erwähnung verdient die von Ulrich Isch zusammengestellte Lisztschüler-Bibliographie. Als »repräsentative Auswahl gedacht mit dem Anspruch, als Einstiegshilfe für weitergehende Recherchen und vertiefte Forschungen« zu dienen, bietet sie auf knappem Raum eine wertvolle Übersicht über Schülerverzeichnisse und Lisztschüler von Ansorge bis Zichy. Der vom Herausgeber im Vorwort beklagte Umstand, dass die »mit der jahrelang intensiven Beschäftigung mit der Materie verbundene, oft beschwerliche Literatursuche […] insbesondere die Greifbarkeit einer eigentlichen Lisztschüler-Bibliographie schmerzlich vermissen [liess]«, hat zu diesem glücklichen Ergebnis geführt, für das man Ulrich Isch mindestens ebenso dankbar sein muss, wie für seine umfangreiche Darstellung des schriftlichen Nachlasses des Liszt-Schülers Richard Burmeister.

Michael Straeter