Helmut Brenner: Charlotte Blume-Arends

eine Hamburger Schülerin von Franz Liszt


Helmut Brenner: Charlotte Blume-Arends, eine Hamburger Schülerin von Franz Liszt
Hamburg: Tredition; 2020.
328 Seiten, 142 teils farbige Abbildungen
ISBN 978-3-347-16889-3


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Einfluss und Wirkung Franz Liszts auf die europäische Musik werden noch immer unterschätzt, auch wenn in den letzten Jahren und Jahrzehnten einige bemerkenswerte Studien zu diesem Komplex erschienen sind. Liszts Wirkungsmächtigkeit verdankt sich wohl weniger seinem kompositorischen Schaffen, das – sofern und solange er es nicht als Künstlerpersönlichkeit neuen Typs selbst aufführte – in großen Teilen verkannt oder unbekannt blieb. Es verdankt sich vor allem der unermüdlichen und in der Tat allermeist selbstlosen Förderung und Unterstützung von Künstlern; Komponisten, Instrumentalisten, Sängern, Dirigenten, Musiktheaterschaffenden. Sein bereits in jungen Jahren gefestigtes und stets verfolgtes Credo von der Verbindung, dem Zusammenwirken der verschiedenen Künste und Metiers hinterließ deutliche Spuren nicht nur in seinem eigenen, musikalischen und schriftstellerischen Werk; Liszt darf seinerseits auch ein nicht geringer Einfluss auf Literatur, Bildende Kunst und Theater zugeschrieben werden.

Seine weitreichendste und nachhaltigste Wirkung dürfte aber in seiner in die Hunderte gehenden Schülerschaft bestehen, die in Liszt nicht nur dem Meisterpianisten und Komponisten, sondern auch dem Künstler, Menschen und oft auch dem Ratgeber und Freund begegneten.

Helmut Brenner stellt uns in seiner umfang- und materialreichen Studie »Charlotte Blume-Arends, eine Hamburger Schülerin von Franz Liszt« eine solche Schülerin vor. Er liefert jedoch über das biografisch-musikalische Leben der Blume-Arends hinaus auch wertvolle Daten und Fakten zu den politischen, sozialen, wirtschaftlichen, kunst- und musikgeschichtlichen Verhältnissen im letzten Drittel des 19. und ersten Drittel des 20. Jahrhunderts, die die Lektüre – bei aller Materialfülle – lebendig-plastisch und spannend machen.

Brenners Darstellung basiert auf über viele Jahre verfolgter, überaus aufwendiger Quellenforschung im In- und Ausland, in deren Zentrum die vom Autor erstveröffentlichten Briefe Liszts an seine Schülerin und Blume-Arends Erinnerungen an Liszt stehen. Einen weiteren und ganz wesentlichen Themenkomplex stellt der umfangreiche Exkurs über die Liszt-Schülerin Hermine Lüders dar, die auch bei Blume-Arends studierte, später auch deren Lehrauftrag in den USA übernahm und als Konzertpianistin erfolgreich war. Brenner veröffentlicht hier erstmals die Erinnerungen Lüders' an Liszt und zeichnet den gemeinsamen Weg von Blume-Arends und Lüders nach, welche sich im Juli und August 1886 auch gemeinsam bei Liszt in Bayreuth befanden.

Bemerkenswert gelingt es dem Autor, mit von tiefer Detailkenntnis getragene, nichtsdestoweniger knappe und sichere Skizzen von Kontexten, Hintergründen und Verhältnissen zu zeichnen, die auch dem Kenner manches Neue vermitteln und mitunter Gewohntes in Frage zu stellen geeignet sind. Dabei stützt er sich – nicht nur, was seinen eigentlichen Gegenstand betrifft – vornehmlich auf Quellen und unterzieht auf ihrer Grundlage manches in der Literatur tradierte Motiv einer kritischen Revision. Nebenbei macht Brenners Buch schmerzlich bewusst, wie groß die Lücken in der Quellenforschung zu Liszt selbst und seinem Umfeld noch immer sind und wie dringend ihre Sammlung und Aufarbeitung auch 135 Jahre nach Liszts Tod noch immer ist.

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Das Leben der 1857 geborenen und in gehoben bildungsbürgerlichen Verhältnissen bei Pflegeeltern aufgewachsenen Charlotte Blume-Arends, ihr Weg und Werdegang als Schülerin, Pianistin, Lehrerin in Deutschland, Europa und den USA, ihr Schicksal als Tochter, Ehefrau, Mutter und Freundin in bewegten Zeiten, die vielfachen künstlerischen und gesellschaftlichen Verknüpfungen ihrer Biografie, in deren Mittelpunkt stets die Musik stand, hat Helmut Brenner zu einem eindrucksvollen, detail- und farbenreichen Denkmal verdichtet, das künftiger Forschung ebenso neue Felder eröffnet wie es ihr vorgearbeitet hat.

Charlotte Blume-Arends von ihrer Familie für dieses Buch zugänglich gemachter Nachlass wurde auf Wunsch der Nachfahrin Edith Blume hin vom Autor inzwischen dem Liszt-Nachlass am Goethe- und Schiller-Archiv der Klassik Stiftung Weimar übergeben.

Der umfangreiche und gut erschlossene Anhang des Buches versammelt Zeittafeln, Genealogie, Repertoire, Quellen – darunter auch die in diesem Buch erstmals veröffentlichten – sowie Literatur und mehrere Register, in dem u. a. auch die 142 teils farbigen Abbildungen nachgewiesen sind, die der Autor erfreulicherweise zusammengetragen hat.

Helmut Brenners umsichtige und teils detektivisch anmutende Arbeit resultiert in einem sehr gut präsentierten und sehr spannend zu lesenden Buch, das auch über die Forschung zu Franz Liszt und seine Rezeption hinaus wertvolle – und mitunter berührende – Einblicke in das künstlerische und gesellschaftliche Leben über mehr als ein halbes Jahrhundert gewährt. Dass hier aus der biografisch-sozialen Perspektive zweier Frauen in eine Zeit voller Umbrüche und Herausforderungen zwischen Kaiserreich und Weltwirtschaftskrise geblickt wird, ist ebenfalls ein Glück nicht nur für die Forschung, sondern für jeden interessierten und empathischen Leser. Und daher eine klare Empfehlung wert.

MS 

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